Nazi-Demo quer durch Rudolstadt – Hetze und kaum Widerspruch

Am 2. Oktober ereignete sich in Rudolstadt der größte Nazi-Aufmarsch seit 1992. Die rechten Netzwerke schafften es jedoch nicht wie in den Neunzigern 2.500 Neonazis zu mobilisieren. Dennoch konnten sich am 2. Oktober 350 Nazis mit einem Demonstrationszug gegen den sogenannten „Asylbetrug“ ungehindert durch Rudolstadt bewegen.

Begonnen hatte der Aufmarsch direkt neben der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Krankenhaus. Unerklärlich ist hierbei die bisherige Kommunikation der Polizei und Versammlungsbehörde gegenüber der Presse, da hier zu lesen war, dass es keine Veranstaltung der Nazis direkt neben der Gemeinschaftsunterkunft geben wird. Die Demonstration führte nach einer menschenfeindlichen Ansprache unter rassistischen Ausrufen weiter durch die Fußgänger*innenzone in Richtung des Marktplatzes. Eine angemeldete „Kulturdemo“ der „Neuen Nachbarn Rudolstadt“, die in der Freiligrathstraße hinter einem Brunnen stattfand, konnte dem Nazi-Aufmarsch nur wenig entgegensetzen, da dieser innerhalb weniger Augenblicke an der Gegendemonstration vorbeizog.

Als der Nazi-Aufzug zur Schlusskundgebung am Marktplatz eintraf, stimmten NPD-Funktionär*innen die üblichen Parolen vor den 350 Rassist*innen an. Am Marktplatz, der für jedwede Veranstaltung gesperrt galt, gab es nur sehr wenige Menschen, die den Lügen der Nazis zu asylpolitischen Themen eine Meinung entgegen bringen konnten. Den Initiator*innen der Proteste wurde eine Kundgebung auf dem Marktplatz verwehrt.

Thomas Endter, Pressesprecher des Bündnis „Zivilcourage und Menschenrechte“ im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt hierzu: „Dieser 2. Oktober macht uns als Bündnis fassungslos. Es ist nicht zu glauben, dass in der Schillerstadt Rudolstadt, der Stadt die über 90.000 Menschen aus dutzenden Ländern jährlich zum Tanz- und Folkfest begrüßt, so kurzfristig ein Neonazi-Aufmarsch dieser Größe möglich ist. Auch finden wir es unverständlich, dass Nazis sich in der derzeitigen Situation in Deutschland, die sogar Länder wie Kanada dazu bringt, seine Bürger*innen für Reisen nach Ostdeutschland zur Vorsicht zu mahnen, in direkter Nähe einer Flüchtlingsunterkunft sammeln können.

In Rudolstadt haben sich mit den „Neuen Nachbarn Rudolstadt“ innerhalb kürzester Zeit fast 300 Menschen gefunden, die Geflüchtete auf verschiedene Art und Weise unterstützen möchten. Deutschkurse, Kleiderkammer und Sportangebote sind hier nur eine kleine Auswahl der bereits bestehenden Unterstützungsangebote. Diese ehrenamtlich tätigen Menschen setzen sich aufopfernd, selbstlos und solidarisch für andere Menschen ein. 

Endter sieht Alarmzeichen für die Zivilgesellschaft: In Reden und Internetkommentaren der Nazis werden diese ehrenamtlich tätigen Menschen als „linksgrünversiffte Gutmenschen“ diskreditiert. In sozialen Netzwerken kommt es nicht selten zur Androhung von Gewalt gegenüber geflüchteten Menschen und deren ehrenamtliche Unterstützer*innen. Das Bedrohungsgefühl bei Ehrenamtlichen steigt. Gleichzeitig wird eine große Menge Angst, Misstrauen, Neid und Paranoia in der Bevölkerung geschürt, die eine rationale Politik erschweren. Wir denken, dass Saalfeld-Rudolstadt Besseres verdient.

Das Bündnis „Zivilcourage und Menschenrechte“ im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt möchte daher künftig weitere Mitstreiter*innen gewinnen und neben dem Einsatz für Geflüchtete auch die Aufklärungs- und Informationsarbeit in Bezug auf rechte Strukturen ausbauen und vertiefen. Bei Interesse bietet sich die Kontaktaufnahme per E-Mail (info@zumsaru.de) oder über andere Kanäle unter https://zumsaru.de/kontakt an.